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Ein Spandauer ist kein Berliner, sondern ein Spandauer. Einheimische wissen das. Klaus-Dieter Richter wohnt in Spandau, ist aber ein Berliner. Geboren in Pankow am 23. April vor 70 Jahren. Seine Mutter ist damals 18 Jahre (und einen Monat) jung, gelernte Serviererin, angestellt im Brauhaus des Berliner Bürgerbräu in Friedrichshagen. Zeichnete sich da bereits eine Familientradition ab? Richter, der Gasthausmission seit vielen Jahren verbunden - als Gastronom und als Christ - verneint! "Ich wollte Mathematik studieren", erzählt er. Weil er kein FDJ-Mitglied war, blieb sein Wunsch unerfüllt. Keine FDJ, keine Universität, so die Faustregel im SED-Staat. Der junge Mann blieb unbeirrt und lernte stattdessen Koch. Fügung, wie sich zeigen sollte. Bis heute ist Klaus-Dieter Richter Prüfungsmeister für Koch- und Köchinnen-Nachwuchs, der bei der IHK Berlin die Gesellenprüfung ablegt. 16 Jahre lang leitete er zugleich die Geschicke des DEHOGA, als stellvertretender Vorsitzender. "Die zweite Reihe lag mir mehr als ganz vorne", begründet der ehemalige Vize. Ganz stimmt das nicht. In drei Restaurants, die er führte, war er (erster) Küchenchef.
Er probiert sich gerne aus. So kam Klaus-Dieter Richter als Inhaber der Weinstube auf dem Kolk in der Spandauer Innenstadt der Gedanke, Gäste und Einheimische nach Rezepten ihrer Kindheit zu befragen. "Sind wir ehrlich: Berliner Gerichte, das ist schlesische und ostpreußische Küche", schildert er. Prompt haben ihm die Einsendungen genau diese kulinarischen Räume erschlossen. Er hat alle Rezepte nachgekocht und serviert, Würdigung der Urheber inbegriffen. Das Konzept ging auf. Bis heute listet die Internetsuchmaschine das Kolk als böhmisch-ostpreußisches Spezialitätenrestaurant auf, obwohl dort längst ein türkisches Lokal eingezogen ist, nachdem sich Richters zur Ruhe setzten. Also doch? Familiensache!


"KD" Richter heute und als Berliner Steppke. Inzwischen ist er zweifacher Großvater mit Enkeln in dem Alter.
Meine Eltern sagten: "Du lernst Koch, dann gehen wir in den Westen und eröffnen ein Restaurant." Die Flucht war beschlossene Sache. Der "Vater", der zweite Mann seiner Mutter, war Kellner. Beide Eltern arbeiteten im Sommer Saison an der Ostsee, um Geld anzusparen. Ein sechsstelliger Betrag Ostmark würde fällig werden, um über die Grenze zu gelangen - verborgen im Kofferraum eines Diplomatenwagens. Ein befreundetes Ehepaar aus Kleinmachnow spann die Fäden. Vor 50 Jahren, am 16. September 1976, morgens um 7 Uhr, warteten Richters an der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg auf ihr "Taxi" in die Freiheit. Um 7.15 Uhr stiegen erst die Eltern ins Heck des Wagens, eine halbe Stunde später brachte der Fahrer auch den damals 20-jährigen Klaus-Dieter und seine gleichaltrige Freundin Gabriele, "Gaby" über die Grenze. Sie hatten sich in der Berufsschule kennengelernt, Gabriele ihre Ausbildung im "Ganymed" am Schiffbauerdamm absolviert. "Wir haben uns erst tags darauf im Aufnahmelager Marienfelde gemeldet, damit kein Verdacht auf den Fahrer des Fluchtwagens fiel", erinnert sich Klaus-Dieter Richter. Berlin kehrten er und seine Familie daraufhin für zwei Jahre den Rücken und zogen ins Saarland, wo Verwandte lebten. Ein Restaurant, das sie übernehmen konnten, tat sich bald auf. Sein Name: Alt-Brandenburg. "Wir dachten, das gibt es doch nicht!"
So schön die südlicheren Gefilde und die Nähe zu Frankreich waren, das Heimweh nach der Spree wuchs. 1978 kamen die beiden Gastro-Generationen Richter zurück nach Berlin. Klaus und - ab 1982 dann Ehefrau - Gaby arbeiteten zunächst angestellt, führten alsbald aber mit den Eltern erst das "Bistro Bonaparte" in der Breiten Straße in Spandau (es existiert heute nicht mehr), dann übernahmen sie das "Kolk". Klaus-Dieter Richter avancierte als Spandauer Bezirksmeister parallel zum aufgehenden Star im DEHOGA, obwohl er einen solchen im Guide Michelin nie errungen hat. "Das war mir viel zu viel Druck." Die Zeit außerhalb der Küche investierte er lieber in Menschen. Mitgliederpflege. Gäste. Kolleginnen und Kollegen. "Gastronomie, das heißt nicht nur Stammtisch. Das heißt, dort begegnen sich Menschen. Deshalb ist mir die Gasthausmission ein Anliegen, dort geht es auch genau darum."