Vorheriger Beitrag
Das Frühstück brachte er am Morgen aufs Zimmer, dann und wann mit höflich gesenktem Blick, "wenn Sophia Loren bei ihrem Mann Carlo Ponti saß. Der war aber nicht oft da, musste ja seine Filme machen", erinnert sich Horst Flache an die zweite Hälfte des Jahres 1968, in der er für den Etagenservice der italienischen Leinwandikone im Grand Hotel am Genfer See zuständig war. Die Bezeichnung "Diva" will das weitgereiste GaMi-Mitglied nicht gelten lassen: "Sophia Loren war bodenständig, natürlich und professionell." Wie er auch.
Horst Flache hat seinen Beruf immer als Berufung begriffen. "Womit kann ich dienen?" galt für ihn in der Gastronomie wie im christlichen Glauben. "Im Dienen bauen wir Beziehungen auf, zu unseren Gästen und zu Gott", beschreibt er, "dabei sind wir authentisch." Wer gastfreundlich sei, müsse nicht fromm tun. Dieselbe zugewandte Haltung fand er bei der Berliner Gasthausmission und fühlte sich "wohltuend erinnert an meine aktive Zeit in der Gastronomie". Inzwischen Rentner, ist Horst Flache bei fast allen Veranstaltungen dabei. Im Mai wird er 80, die Jahre sieht man ihm nicht an. Groß das Staunen, wenn er vom Start in die Lehrzeit im Bundeshaus in Bonn erzählt. Damals, im April 1961, hieß der Kanzler noch Konrad Adenauer und Berlin war ungeteilt.
Ursprünglich hatte Jungspund Horst Koch als Ausbildung anvisiert, ließ sich dann aber von seiner Mutter überzeugen, in den Service zu gehen. Warum nach Bonn? "Im Bundeshaus wurde Politik gemacht, das fand ich spannend", sagt er, der damals aus Rheinland-Pfalz in die Hauptstadt der Bundesrepublik zog. In seinem Pass steht indes Nordhausen in Thüringen als Geburtsort, doch viele Erinnerungen daran hat Horst Flache nicht. Überlagert werden sie von den Entbehrungen einer typischen Nachkriegskindheit. Seine Familie ist christlich sozialisiert, lebt den Glauben aber wenig im Alltag. Es geht ums Überleben, für den Sohn sogar im Wortsinn, er hat lange mit den Auswirkungen einer Rachitis zu kämpfen. Entsprechend ist Horst Flache als Lehrjunge keine Bohnenstange und kein Schrank, stattdessen fällt er durch Ehrgeiz auf. Nach einem halben Jahr darf er beim Empfang der britischen Queen Elizabeth II. mittun, kurz darauf avanciert er zum persönlichen Zimmerservice von Bundestagsvizepräsident Thomas Dehler. Der gibt seine Mittagstisch-Bestellung telefonisch knapp auf, "Dehler. Steak." und bekommt das Fleisch medium ins Büro gebracht.
Lange Arbeitszeiten und der hohe Anspruch der Gäste in den Grand Hotels in West-Berlin, London und Genf, die den jungen Mann im folgenden unter Vertrag nahmen, störten ihn nicht. Der "Sozialraum Gastronomie" blieb familiär. Die Haltung, an seinen Gaben gemessen und wertgeschätzt zu werden - von Gästen und Mitarbeitenden - entschädigte ihn reichlich. "Heutzutage ist das Hotelgewerbe anders geworden", weiß er gleichwohl, "das ist inzwischen Business."


Zum Glauben gekommen ist Horst Flache, als er "um Haaresbreite vor dem Burnout stand". Immer nonstop nachgefragt und umtriebig, habe sich mit einem Mal eine innere Leere aufgetan, die er nicht habe füllen können. "Das tat dann Gott", bringt er schnörkellos auf den Punkt. Eine Reisebekanntschaft auf der Fahrt von Berlin nach Wien gab den Ausschlag. Die Frau auf dem Sitzplatz neben ihm erzählte von ihrem Glauben. "Sie hat mich dort abgeholt, wo ich war. Nicht mit Bibelversen, mit Verbindung." Wiedergesehen hat er die Dame nie. Für ihn blieb die Episode gleichwohl "ein Erlebnis mit Gott". Ein weiteres ließ nicht lange auf sich warten, die erste Teilnahme am GaMi-Gottesdienst im Berliner Dom (Foto links mit Christiane Münker-Lütkehans). Mittlerweile steht er auf der Seite derer, die "ein Angebot machen, das für Menschen aus der Gastronomie Beziehung stiftet."
Text: Tanja Kasischke / Fotos: Klaus-Dieter Richter (2), privat