Vorheriger BeitragNächster Beitrag
Jakobsmuscheln mal ohne Speisekarte

Foto: Tanja Kasischke


Brigitte Wittkamp hat Jakobsmuscheln auf dem Tisch in der Cafeteria von Martas Gästehaus verteilt. Nicht alle Plätze, auf denen sie bereitliegen, sind an diesem Nachmittag besetzt. Die Gruppe für die erste Pilgertour der Gasthausmission ist überschaubar, das Wetter spielt nicht mit.

Es regnet in Strömen. Fünf Frauen haben dennoch die Wanderschuhe geschnürt, um Brigitte Wittkamp und GaMi-Referentin Susanne Hornauer auf den Fersen zu bleiben. Beide haben die Strecke vorbereitet. Drei Stunden wollen die Pilgerinnen unterwegs sein.

Die Route führt durch Mitte, wo sie tatsächlich einen Jakobsweg kreuzt, die so genannte Via Imperii von Stettin nach Hof. Der Treffpunkt Martas auf dem Gelände der Berliner Stadtmission liegt einen Tick zu weit westlich, die Muscheln und einen Pilgersegen gibt es zum Auftakt der Tour trotzdem. „Wenn sich euer persönlicher Pilgermoment auftut, legt ihr die Muschel dort ab, wo es euch passend erscheint“, empfiehlt Brigitte Wittkamp der Gruppe. Die zertifizierte Pilgerbegleiterin hat beim Amt für Kirchliche Dienste der EKBO sogar einen neunmonatigen Kurs absolviert – samt Prüfung. Susanne Hornauer und sie kennen sich vom Berufsverband Hauswirtschaft, beide haben das neue Format aufgelegt, um die christlichen Gästehäuser beim Trendthema Pilgern ins Bewusstsein der GaMi-Mitglieder und Follower zu holen.

„Als ich vor 14 Jahren in Rente ging, habe ich mit dem Pilgern angefangen“, erzählt Brigitte Wittkamp. Dreimal war sie schon in Santiago de Compostela, 2500 Kilometer sind das von Berlin aus. Wer einmal den Rucksack aufsetze, komme vom Pilgern nicht wieder los. Das verschmitzte Lächeln der 79-Jährigen lässt die Aussage keineswegs wie eine Drohung wirken, eher verheißungsvoll. Apropos Rucksack aufsetzen: Die junge Spanierin, die an der Rezeption des Gästehauses ihr Telefon lädt und die GaMi-Gruppe aus den Augenwinkeln neugierig mustert, ist den umgekehrten Weg nach Berlin gereist, allerdings ohne zu pilgern. Sie ist Backpackerin, Rucksacktouristin, sie macht einen Städtetrip. Eine preiswerte Übernachtung in einem der Vierbettzimmer, die Martas für Pilgernde vorsieht, erhält sie trotzdem. Direktor Jens-Martin Krieg sieht das nicht so eng: „Wer unterwegs ist und aufs Budget schauen muss, meldet sich und gut“, sagt er. 24 Euro kostet die Übernachtung, Nutzung der Selbstversorgerküche inklusive. Wer den Jakobsweg wandert, bekommt das runde Martas-Logo in seinen Pilgerpass gestempelt.

Zwischen Brandenburger Tor, Reichstag und Schiffbauerdamm marschiert die Gruppe entlang der Via Imperii, „schweigend“, ordnet Brigitte Wittkamp an, „um sich des Unterwegs seins bewusst zu werden“. Die Frauen halten Schritt, umkurven Pfützen und heben unterm Regenschirmdach hin und wieder den Blick, um einander nicht aus den Augen zu verlieren. Klappt prima. Einzig die persönlichen Pilger-Momente, um die Muscheln abzulegen, wollen sich nicht ergeben. Der Regen spornt vielmehr an, voranzukommen. Vorwärts, „ultreia“, rufen sich passenderweise auch die Pilgernden auf dem Jakobsweg zu. 

Foto: Tanja Kasischke

Der Albrechtshof liegt in einer Parallelstraße der Via Imperii und ist das nächste Etappenziel. Martin Luther King hat hier vor 60 Jahren Station gemacht. Die Kapelle im Untergeschoss des Hotels in der Albrechtstraße 17 erinnert daran, sie ist nach King benannt. Seine Zitate „I have a dream“ und „Time to act“ sind in die Buntglasfenster des Raumes eingelassen. Im Vorraum bilden die zum Trocknen aufgespannten Schirme ein Mosaik, drin singen die Frauen „Wenn einer alleine träumt“.

Geträumt, vom Pilgern wie es seit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ boomt, hatten die frühen Christen keineswegs, als sie sich auf den Weg machten, weiß Brigitte Wittkamp zu berichten. „Da ging es um Buße, schwere Entscheidungen und darum, sein Leben neu zu ordnen“. Ein Blick in die Bibel verdeutliche: Schon Abraham sei unterwegs gewesen. „Die Stationen sind weniger wichtig als die Strecke und dass man sie macht. Man geht vom Alltag weg, kommt bei sich an und lernt Ausdauer neu“, fasst die Pilgerbegleiterin zusammen. Klar ist zudem: Der Weg macht alle gleich. In der Pilgergruppe sind deshalb alle beim du, auch mit Stefan Marczinkowski, dem neuen Direktor des Hotels Grenzfall an der Ackerstraße. Der gebürtige Westfale war selbst auf dem Jakobsweg, 2023 hatte ihn eine gesundheitliche Krise zum Innehalten gezwungen. Er habe, berichtet der Hotelier, entschieden, seinem Fach treu zu bleiben, aber die Menschen des Gastgewerbes in den Mittelpunkt zu stellen. Seit drei Monaten ist Stefan Marczinkowski in Berlin. Sein Pilgertipp für die Bergetappen in den Pyrenäen: „Früh losmarschieren, solange man die Berge nicht sieht, tut es weniger weh.“ Derartige körperliche Herausforderungen sind der Berliner Gruppe an diesem Nachmittag erspart geblieben. Sogar der Himmel hat ein Einsehen, der Regen lässt nach. Das Hotel Grenzfall in Trägerschaft der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal bildet den Abschluss der ersten GaMi-Pilgertour. Grenzfall, das Wortspiel ist doppelt wirksam, es verweist auf die Geschichte des Orts zwischen Mauerbau und Mauerfall. An der Bernauer Straße wurde am Morgen des 13. August 1961 der erste Stacheldrahtzaun hochgezogen. Die Diakonissen im benachbarten Lazarus-Krankenhaus, das heute Seniorenheim ist und ebenfalls zu Lobetal gehört, wurde Augenzeuginnen der Teilung Berlins – und ihres Ordens. Die 160 Jahre alte Kapelle des Hauses hat seitdem viele Gebete zu Gott getragen.

Foto: Susanne Hornauer

Spenden-Aufruf

Unterstützen Sie die GasthausMission.